Mauthausen erzählen

Zwanzig Videos mit Mauthausen-Überlebenden aus dem "Mauthausen Survivors Documentation Project"

In den 20 etwa halbstündigen Video-Filmen kommen Überlebende des Konzentrationslagers Mauthausen und seiner Außenlager zu Wort. Sie erzählen in ihrer jeweiligen Umgangssprache, weshalb der Text auch in deutschen Untertiteln gezeigt wird. In diesen Bild- und Tondokumenten sind nicht nur beklemmende Einzelheiten von Leiden, vom Terror und vom Kampf um das tägliche Überleben dokumentiert, sondern auch Zeugnisse der Solidarität und Opferbereitschaft der Inhaftierten in einem der ärgsten KZs des Dritten Reiches werden hier vorgestellt.

Diese Videos sind auch Berichte über die Herkunft und die vielfältigen Lebenswege der Männer und Frauen vor ihrer Inhaftierung und gestatten einen Einblick in deren weiteres Leben nach der Befreiung, das oft mit neuerlicher Diskriminierung und Verfolgung einherging. Auch die Haltung der österreichischen Bevölkerung, inmitten derer sich die Verfolgung vollzog, wird so erschließbar; sie schwankte offenkundig zwischen Mitleidlosigkeit und Hohn einerseits und Unterstützungsbereitschaft und Mitgefühl andererseits.

Die Befragten der ausgewählten Videos erzählen nicht einfach von trockenen Tatsachen, sondern drücken vor allem ihre Empfindungen heute und damals aus und zeigen ihre Versuche zur Verarbeitung ihrer schrecklichen Erlebnisse und ihre lang dauernden Traumatisierungen. Sie ergänzen damit die „kalten“ Gestapo-Akten, die „nüchternen“ Todesstatistiken und „steinernen Zeugen“ der erhaltenen Mauern und Monumente durch eine vielfältige lebende Erinnerung. Sie zeigen, wie die NS-Verfolgung in den kollektiven Gedächtnissen unterschiedlicher Gruppen und vieler Nationen auch heute noch eingeschrieben ist.

Es wird für die meisten Besucherinnen und Besucher dieser virtuellen Ausstellung unmöglich sein, sich ein homogenes und für alle gleiches Geschichtsbild von der KZ-Realität zu bilden. Dies ist auch die Intention dieser Videopräsentation, die der Erkenntnis historischer Wirklichkeit entspricht. Denn die individuellen und kollektiven Erinnerungen an den KZ-Terror sind notwendigerweise vielfältig, uneinheitlich und manchmal einander widersprechend. So sind auch die Erinnerungen derer, die aus politischen, nationalen, rassistischen, religiösen und sonstigen Gründen verfolgt wurden, in einem hohen Maße unterschiedlich. Daher differieren die Erinnerungen etwa der Angehörigen verschiedener politischer Richtungen und beherrschter Nationen des Dritten Reichs von denen der Kriegsgefangenen und Geiseln. Wiederum unterschieden davon sind die Erinnerungen jener Opfer, die am stärksten von der NS-Rassenideologie betroffen waren: Juden und Jüdinnen, Roma und Sinti.

Die ausgewählten Videos geben nur einen kleinen Ausschnitt der multinationalen und multikulturellen „Häftlingsgesellschaft“ Mauthausens wieder. Nur unvollkommen stehen sie auch für die Erfahrungen und Leiden der vielen, die nicht mehr sprechen konnten.

Dies verdeutlicht die folgende Übersicht:

Gesamtzahl der Häftlinge: rund 205.000
Ermordete: rund 100.000
Überlebende: rund 105.000
Davon heute noch Lebende: rund 5.000 bis 10.000

Gesamtanzahl der vom MSDP Befragten: rund 900
Davon auf Video dokumentiert: rund 90
Davon hier ausschnittweise präsentiert: 20

Die Videos sind Teil der 800 Audio- und 80 Videointerviews, die im Rahmen des „Mauthausen Survivors Documentation Projects“ erstellt wurden. Dieses ZeitzeugInnenprojekt wurde von österreichischen WissenschafterInnen geleitet und koordiniert und konnte nur in enger Zusammenarbeit mit Forschungsteams aus über 20 meist europäischen Ländern sowie aus Amerika und Israel realisiert werden.


 
 
Redaktion:
Christine Schindler, Gerhard Botz