Ebensee
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Zur Geschichte des Außenlagers Ebensee

Bild: Krematorium in Ebensee
Krematorium in Ebensee
Ab dem Jahr 1943 zwangen die strategischen Luftangriffe der Alliierten die deutsche Rüstungsindustrie die Produktion in unterirdische, bombensichere Produktionsstätten zu verlagern.

So wurde die Raketenproduktion, der Bau der von sogenannten "Vergeltungswaffen", in die Stollenanlagen bei Nordhausen verlegt. Zum Ausbau der Stollen und zur Montage der Raketen wurden die Häftlinge des zu diesem Zweck gegründeten Konzentrationslagers Dora-Mittelbau herangezogen.
Die Forschungseinrichtungen sollten von Peenemünde nach Ebensee übersiedeln, wo ebenfalls ein gigantisches Stollensystem geplant war. Hier sollte an der Entwicklung der Flakrakete "Wasserfall" und an einer Interkontinentalrakete, der "Amerikarakete", gearbeitet werden.
Im November 1943 wurde in unmittelbarer Nähe des Ortes Ebensee ein Außenlager des KZ Mauthausen gegründet. Zweck dieses Lagers mit der Tarnbezeichnung "SS-Arbeitslager Zement" war der Einsatz der Häftlinge zur Arbeit im Stollenbau. Ohne die geringsten Sicherheitsvorkehrungen mussten die Häftlinge acht bis elf Stunden am Tag in den Stollen arbeiten. Die Arbeitskommandos wurden von Zivilarbeitern beaufsichtigt und von Kapos zur Arbeit angetrieben.
Nach der Befreiung
Nach der Befreiung

Am 19.11.1943 traf der erste größere Häftlingstransport aus dem Hauptlager in Ebensee ein. Im Mai 1944 betrug die Zahl der Häftlinge schon 5000, Ende desselben Jahres stieg ihre Zahl bis über 9000 und am 23.4.1945 erreichte das Lager Ebensee mit 18.509 Häftlingen seinen höchsten Häftlingsstand.
Die Stollenanlage sollte allerdings niemals ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Am 6.6.1944, als die Arbeiten an den Stollen schon relativ weit fortgeschritten waren, besuchte Albert Speer in seiner Funktion als Rüstungsminister das "Projekt Zement". Wenig später versuchte er bei Hitler durchzusetzen, daß die Stollenanlage für die Produktion von Panzergetrieben verwendet werden sollte.
Obwohl Hitler diesem Vorschlag zustimmte, wurde auf Grund der Dringlichkeit der Treibstofferzeugung in einer der beiden Stollenanlangen, der Stollenanlage "A", die Errichtung einer unterirdischen Raffinerie beschlossen. Der Plan der Verlagerung des Raketenforschungszentrums nach Ebensee war Ende 1944 endgültig
Leichenwagen
Leichenwagen
gescheitert.
Nach längeren Verzögerungen wurde am 5.2.1945 in der Stollenanlage "A" mit der Rohöldestillation begonnen. Die Anlage "A" wurde bis Kriegsende fast zur Gänze fertiggestellt, in der Anlage "B", in der durch die Steyr-Daimler-Puch AG Motorteile für Lastwagen und Panzer hergestellt wurden, waren bis zum 6.5.1945 ungefähr 60 Prozent der geplanten Stollenausschachtung durchgeführt.
In den letzten Tagen vor der Befreiung gab es von Seiten der SS möglicherweise den Plan zur Massenliquidierung der Häftlinge. Als der Lagerführer SS-Obersturmführer Anton Ganz auf dem Appellplatz sämtliche Häftlinge aufforderte, zu ihrem eigenen Schutz vor den heranrückenden US-Truppen in die Stollen zu gehen, verweigerten sie dies in der Annahme, dass, sobald sich alle Häftlinge in den Stollen befinden würden, die SS sämtliche Eingänge sprengen würde.
Nach dem Abzug der SS-Bewachungsmannschaften und kurz vor dem Eintreffen der US-Truppen kam es im Lager zu vielen Fällen von Lynchjustiz.
SS-Mann bei SS-Baracke in Ebensee
SS-Mann bei SS-Baracke in Ebensee
Ungefähr 52 Funktionshäftlinge, die mit der SS kollaboriert hatten, wurden getötet.
Von den ungefähr 27.000 Häftlingen, die in Ebensee interniert waren, starben bis zur Befreiung über 8200.
Roberto Camerani berichtet in seinem Buch "Il viaggio" über die Lebensbedingungen in einem der "Todesblöcke" in Ebensee kurz vor der Befreiung:
Es gab keine Decken und keine Strohsäcke, nur Holzbretter. Die Beckenknochen, die am weitesten herausstanden und die unsere Haut bereits durchbrochen hatten, kamen noch mehr heraus, und wir lagen dort unbeweglich den ganzen Tag, ohne die Kraft zu haben, vom Stockbett herunterzusteigen oder hinaufzusteigen. Klarerweise machten wir alles ins Bett, und so wälzten sich die 4, die oben schliefen, im eigenen Urin und im eigenen Kot, aber diejenigen, die unten schliefen, machten das gleiche auch mit dem Urin und mit dem Kot aller 12 Männer. [...] Zur Mitte des Tages mußten wir uns im Bett aufsetzen, und wir bekamen die Suppe. Setzte sich jemand nicht mehr auf, so bedeutete das, daß er tot war, und wenn wir das bemerkten, so bewegten wir ihn und versuchten ihn aufzurichten, ihn mit großer Anstrengung sitzend zu halten, und richteten uns zurecht, um ihn lebend erscheinen zu lassen, indem wir ihm die Augen offen hielten und ihn schüttelten; denn so bekamen wir seine Suppe und teilten sie durch 3. Am Abend mußten wir aus dem Bett herauskommen und uns in der Reihe aufstellen, um gezählt zu werden. Als wir standen, gaben sie uns dann die Scheibe Brot, und hier konnte man nichts mehr vormachen. Wer im Bett blieb, wurde von den Aufsammlern der Toten fortgetragen.
Roberto Camerani, "Il viaggio"

Die Häftlinge starben [im April 1945] wie Ratten, man war wahnsinnig vor Hunger. Für ein paar Löffel Suppe, ein Stück Brot wurde ohne Mitleid gemordet. [...] Diejenigen, die Diebstahl begangen oder nur versuchten, in die Nähe des Suppentopfes zu gelangen, wurden durch die zu Bestien verwandelten Block- und Stubenältesten totgeschlagen. Es beeindruckte die anderen kaum. Man interessierte sich nur für eine Sache: Überleben um jeden Preis. Alles wurde gegessen, Gras, Blätter, Braunkohle [...], man kaute auf Holz.
Nico Wijnen, "Toen jonas in de Wallevis zat" (zit. nach Freund, "Arbeitslager Zement", S. 395)

Im Winter 1944-1945 herrschte ein absoluter Mangel an Kleidung, Schuhen und Essen. Die Häftlinge gingen in die Arbeit zu 90 % ohne Mäntel, ohne Sweater, ohne Handschuhe und manche bloßfüßig, ich betone ohne Socken und Schuhe. Sie wickelten Papier, Fetzen oder Teile der Decken um die Füße, was als Sabotage gewertet und mit 25 Stockhieben bestraft wurde. [...] Die Häftlinge starben auf der Lagerstraße, vor und in den Baracken.
Drahomir Barta, Winzent Bernott

Robert Woelfl


Links
KZ-Gedenkstätte und Zeitgeschichtemuseum Ebensee