Audioguide 10: Zeltlager

 
Audio  Audioguide 10 - Zeltlager (Deutsch)
Audio  Audioguide 10 - The tent camp (English)

Ab Oktober 1944 wurden mit Einverständnis der ungarischen Regierung etwa 50.000 Budapester Jüdinnen und Juden der SS übergeben.

Sie sollten militärische Befestigungen entlang der Grenze in Niederösterreich, dem Burgenland und der Steiermark bauen - den so genannten „Südostwall“. Durch schwerste Arbeitsbedingungen, brutale Behandlung und völlig mangelhafte Versorgung starben Tausende bereits hierbei. Nach dem Zusammenbruch der Front in Ungarn wurden die Überlebenden Ende März evakuiert. Ein Teil wurde mit Schiffen auf der Donau transportiert, die meisten über mehrere Wochen zu Fuß Richtung Mauthausen getrieben. Kranke und Marschunfähige wurden erschossen oder unversorgt zurückgelassen. Bei diesen Todesmärschen kam es nicht nur zu Gewalttätigkeiten durch das Wachpersonal, sondern auch zu Angriffen durch lokale Nationalsozialisten.

Höchstens 20.000, also deutlich weniger als die Hälfte dieser Zwangsarbeiter, erreichten im Lauf des April 1945 Mauthausen oder das Außenlager Gunskirchen. Die Bedingungen, die sie im Zeltlager von Mauthausen vorfanden, beschreibt Stephan Virányi, der mit einem der ersten Transporte per Schiff angekommen war:

Die Zelte waren für höchstens 800 Personen errichtet, [doch] pferchte man mehr als 2000 Menschen in einem Zelt zusammen. (...) Weder Stroh- noch Holzunterlage[n] war[en] vorhanden ...
Die Verpflegung war äußerst kläglich. Morgens ein Deziliter so genannter schwarzer Kaffee, ohne Zucker und obendrein so wässrig, dass [er] beim [Einschenken] beinahe [durchsichtig] war. Zu Mittag 5-6 dl, zum Nachtmahl 3-4 dl Kartoffel- oder Rote-Rüben-Suppe, und jeden zweiten oder dritten Tag ½ dkg. Pferde-Wurst, oder Traubenzucker oder [künstliche] Butter. Brot erhielten 10-12 Personen zusammen 1 Kg täglich. (...)
Wir waren schon in Bruck stark mit Läusen bedeckt, dies steigerte sich aber in Mauthausen bis zur Unerträglichkeit. Täglich waren wir mit der Entlausung 1 – 1 ½ Stunden beschäftigt. [Bei denen], die die dazu nötige Willenskraft nicht auf[brachten] ..., verschwand bald mit der seelischen auch die körperliche Kraft, was in kurze[r Zeit] zu [ihrem] stillen [Tod] führte. (...) Morgens konnten wir nur über zahlreiche Leichen [steigend] ins Freie gelangen, und [dort] lagen schon [eine] ganze Menge [weiterer] Leichname ... Sie wurden entkleidet, ihre Sachen weggenommen, dann auf Fuhrwerke geschmissen und abtransportiert.
(...) Noch schlimmer als den Zeltbewohnern ist es denen ergangen, die von anderen Arbeitslager[n] später als wir angekommen sind, denn sie konnten nicht einmal in den ... Zelten untergebracht werden, und mussten sich im Freien niederlassen, ausgesetzt der nasskalten, regnerischen April-Witterung. In den Nächten, bei strömendem Regen flüchteten sie sich in die Zelt-Baracken, da mussten sie aber die ganze Nacht stehen, denn nicht ein Fußbreit Bodens war frei zum Niederlegen.


Die Zustände im Zeltlager schockierten auch erfahrene Häftlinge. Der aus Ungarn stammende Istvan Bálogh, der als früherer Spanienkämpfer seit 1941 in Mauthausen war, erinnert sich:

Ohne Wasser, auf feuchter Erde [nur] mit wenig Stroh bedeckt, lagen viele Tausende, hauptsächlich aus Ungarn verschleppte Juden. Sie waren verlaust und krank ... [ihr Zustand] übertraf weit das gefürchtete „Russenlager“.
(...) Durch den Hunger hatten die Menschen vollkommen den Verstand verloren. Typhus, Dysenterie und andere Epidemien wüteten. (...) Einmal am Tage bekamen sie [eine] Spülicht ähnliche Suppe, [die] schon von weitem stank.


Bálogh, hatte als Angehöriger des Elektrikerkommandos zu fast allen Teilen des Lagers Zugang. Er und einige seiner Kollegen versuchten, ihre Stellung auszunutzen, um Informationen unter den Häftlingen weiter zu geben und, soweit möglich, Hilfe zu organisieren. Sein lakonisches Fazit:

[Unsere Versuche] könnte man wohl als unnütz bezeichnen (...) Dem Zeltlager konnten wir keine Hilfe geben.


 
 
Redaktion:
Florian Freund, Harald Greifeneder